In der Nacht vom letzten Samstag zum Sonntag kam ich mit der Bahn in Melchow an. Es hatte, was ich nicht so richtig erwartet hatte, alles ziemlich reibungslos funktioniert: Am Freitagmorgen waren wir mit dem Mototaxi und unserem Passierschein die wenigen Minuten zum Flughafen gefahren, wo schon die meisten anderen Ausreisewilligen, hauptsächlich Deutsche, warteten. Bis wir gegen 11:20 Uhr in den A320 Neo einsteigen konnten, hatten uns die wenigen Flughafenmitarbeiter abgefertigt, die GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) half dabei. Meine größte Angst, meinen Koffer wegen Übergepäck erleichtern oder meinen dicken Geographie-Wälzer (den meine Eltern mir gerade erst mitgebracht hatten) zurück lassen zu müssen, stellte sich glücklicherweise als unbegründet dar. Und so flogen wir bald über die grünen, regenwaldbedeckten Hügel und ich konnte Tarapoto noch einmal von oben betrachten, ehe wir in den Wolken verschwanden. Vier Stunden später landeten wir in Santiago de Chile. Aus der Luft konnte ich die trockenen, ockerfarbenen Anden mit hier und dort einigen Weinbergen erkennen.
Zufälligerweise trafen wir unseren Vermieter am Flughafen, der dieses Bild schoss. Das Kissen war sehr praktisch: Mein 4kg schweres Buch konnte ich unbemerkt darin verschwinden lassen😅Unser Flugzeug in Tarapoto auf dem Rollfeld.
Nun füllten wir Formulare zu unserer gesundheitlichen Verfassung aus und ließen uns das Fieber messen. Da mehrere deutsche Rückholflüge direkt hintereinander nach Santiago geflogen waren, was man auf „flightradar24“ gut beobachten konnte, kamen wir auch fast gleichzeitig an. So trafen wir sogar noch einige Freiwillige aus anderen Regionen Perus, was ganz lustig war.
Über den kleinen Zettel, den alle Passagiere am ihren Tickets getackert hatten, freute ich mich sehr. Dort steht: „Es gibt keine bessere Reise als die nach Hause“
Um 21:40 hoben wir schließlich in Richtung Frankfurt ab. Ich schlief ziemlich viel, sodass die 16 Stunden schnell vergingen. Durch die Busfahrten bin ich wahrscheinlich auch schon einiges gewohnt.
Wir landeten gegen 16:40 Uhr in Frankfurt. Es lief dort alles problemlos sehr zügig – klar, der Flughafen ist zur Zeit überhaupt nicht ausgelastet.
Als wir an der Gepäckausgabe ankamen, warteten unsere Koffer schon auf uns!
Mir kam es, als ich zum Bahnhof die Treppen hinunter lief, im ersten Moment so vor, als wäre die Klimaanlage ein paar Grad zu kalt eingestellt. Gemeinsam mit anderen Freiwilligen nahmen wir den ICE nach Hannover, von dort ging es für mich über Berlin-Gesundbrunnen nach Hause. Ich staunte während der Fahrt, wie verhältnismäßig „normal“ es hier wirkt. Zwar habe ich ja in Deutschland keinen unmittelbaren Vergleich, doch scheinen mir die Maßnahmen wegen der Corona-Pandemie in Peru noch weitaus drastischer.
Nun bin ich schon eine halbe Woche wieder in Melchow. Noch immer bin ich dabei, mich wieder einzuleben und an die doch sehr andere Umgebung zu gewöhnen. Es ist alles so geordnet, wirkt aufgeräumt und im Verhältnis zu Peru so sauber. Am meisten Probleme habe ich bisher mit der Zeitumstellung, aber ich bin zuversichtlich, dass ich mich in der kommenden Woche wieder an einen normaleren Rhythmus gewöhnt habe.
Leider ist nun die Zeit in Peru endgültig beendet – und damit werde ich auf dieser Seite auch keine weiteren Neuigkeiten veröffentlichen. Die Internet Adresse wird aber weiterhin mit allen Inhalten verfügbar sein und wer weiß: Vielleicht wird sie bei einer späteren Reise nach Peru wieder aufleben.
In den letzten Tagen hat sich nun bezüglich der Ausreise nach Deutschland einiges bewegt: Wir sind gestern, nachdem wir die Wohnung abgegeben, einen Passierscheine beantragt, ein Auto mit Fahrer gefunden und den Kater untergebracht hatten, nach Tarapoto gefahren. Glücklicherweise hat das alles gut geklappt, auch durch die Kontrollen der Polizisten und Militärs kamen wir gut durch. Nun sind wir für zwei Nächte bei befreundeten Freiwilligen in Tarapoto untergekommen, ich fühle mich sehr wohl. Morgen geht es dann zu sieben Uhr zum Flughafen. Der Flieger (LA1259), den die Deutsche Botschaft in Lima primär für Deutsche organisiert hat, soll planmäßig um 11:12 Uhr Ortszeit nach Santiago de Chile abheben. In Peru läuft mit dem Rückholprogramm nun alles über Santiago und nicht Lima, da wohl von peruanischer Seite keine oder unzureichend Landegenehmigungen ausgestellt werden. Von dort fliegen wir gegen Abend in Richtung Frankfurt am Main. Hier kennen wir jedoch noch nicht die genaue Abflugzeit und Flugnummer. Ich bin froh, dann hoffentlich gut und zeitnah in Melchow ankommen zu können. Die letzten zweieinhalb Wochen in der Wohnung in Moyobamba waren nicht sehr erlebnisreich. Die Tage flossen so dahin und waren für mich im Nachhinein kaum noch voneinander zu trennen. Trotzdem ist es vielleicht auch gut, dass so noch Zeit blieb, um mich an die neue, so plötzlich gekommene Realität zu gewöhnen. In diesen Tagen kamen nun öfter auch Letztes-Mal-Gedanken und ich nahm die Dinge automatisch noch einmal bewusster wahr. Leider war die Stadt Moyobamba, von der ich mich verabschiedete, jetzt auch nicht mehr die, die sie sonst war.
Im Jahr 1821 wurde Peru von Spanien unabhängig. Damit war auch die Macht der spanischen Krone gebrochen. Doch fast 200 Jahre danach, seit dem 15. März 2020, hat eine andere Krone das Land wieder fest im Griff: Die Medien berichten über kein anderes Thema, die Menschen tragen komische Masken vor Nase und Mund und sogar der Präsident meldet sich in einer Fernsehansprache an alle Peruanerinnen und Peruaner zu Wort.
„Corona“, was aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt „Krone“ bedeutet ;), ist auch hier angekommen. Zwar sind die offiziellen Fallzahlen (Stand 25. März: 416 Infizierte) bisher deutlich geringer als in Deutschland, doch die politischen Maßnahmen bedeutend schneller und schärfer gefasst worden: Ziemlich bald wurden die Landesgrenzen geschlossen und am 16. März verkündete der Präsident eine Ausgangssperre im ganzen Land, welche in den folgenden Tagen weiter verschärft wurde. Mittlerweile besteht auch eine Mundschutzpflicht, die Maßnahmen werden durch Polizei und Militär rigide durchgesetzt. Auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die für uns weltwärts-Freiwillige zuständig ist, zog Konsequenzen aus der unsicheren globalen Lage. Der Weltwärts-Dienst wurde für alle Freiwilligen weltweit verpflichtend abgebrochen und wir müssen nun umgehend nach Deutchland zurückkehren.
Das ist nur gar nicht so einfach. Zwar organisierte die Deutsche Botschaft, nachdem es für normale Linienflüge keine Möglichkeiten mehr gab, im Rahmen des Rückholprogramms des auswärtigen Amtes Flüge. Doch wurden diese Flugtermine von peruanischer Seite bisher nicht mehr genehmigt. Der Flughafen „Jorge Chavez“ in Lima wurde jetzt komplett geschlossen. !Stand 25. März! soll am Donnerstag der erste Flug nun über den militärischen Teil abgewickelt werden und die ersten der insgesamt wohl rund 3700 Deutschen in Richtung Europa transportieren. (Im Vorfeld mussten mehrere Termine verschoben weren, es lag keine Landegenehmigung vor.) Die zweite Schwierigkeit ist aber für uns, erst einmal die 1400km nach Lima zu kommen. Der Überland- und Inlandsflugverkehr wurde eingestellt. Die Freiwilligen und Touristen sind im ganzen Land verteilt. Die Deutsche Botschaft in Lima arbeitet nun daran, Transportmöglichkeiten, Sammelorte, Passierscheine und viele weitere Dinge für uns zu organisieren. Gleichzeitig wurde „auf höchster Ebene“, wie die Botschaft in einer Mail mitteilte, mit dem peruanischen Staat verhandelt. Nun möchte sich dieser verstärkt für die Rückholung der verbleibenden Deutschen einsetzten.
Lea und ich räumten in der letzten Woche unsere Wohnung in Kisten, packten unsere Koffer und bereiteten uns auf eine Nachricht des Welthauses und der Botschaft zur Abreise vor. Wir werden von beiden sehr zuverlässig fast mehrmals täglich auf den neuesten Stand der Entwicklungen gebracht und ich fühle mich gut betreut. Nun verbringen wir unsere Zeit – außer zum Einkaufen – in der Wohnung. Ich lese viel, verfolge die Nachrichten, schlafe und versuche mich innerlich auf Deutschland vorzubereiten und Peru auf Wiedersehen zu sagen. Das ist gar nicht so leicht. Ich hatte in letzter Zeit viele Pläne für die übrigen 5 Monate entwickelt und mich sehr auf die resttlichen 21 (von 24) Urlaubstage gefreut. In Peru hätte ich noch so viel entdecken und lernen können! Trotzdem hoffe ich, nun möglichst bald wieder nach Melchow zu kommen. Es fühlt sich nicht schön an, eine Woche unterschwellig angespannt und wartend auf wenig Raum zu verbringen. Gleichzeitig merkt man, dass die Lage immer angespannter wird. Die Polizei- und Militärstreifen vor der Tür vermitteln kein angenehmes Gefühl.
Die Schlagzeilen der peruanischen Presse am 16. März
An dem Tag vor ziemlich exakt einem Jahr, an welchem ich vom Welthaus Bielefeld e.V. für dieses weltwärts-Jahr in Moyobamba eine Zusage erhielt, kaufte meine Mutter Kaffee in einem großen deutschen Kaffeeladen. Und zufälligerweise kam genau diese 250g-Tüte aus Peru – und noch lustiger: von der Kaffeekooperative „Cooperativa Agraria Cafetalera Alto Mayo“ direkt aus Moyobamba.
Besonders meinem Papa und auch mir war klar, dass wir uns die Produktion dieses Fair-Trade- und Biokaffees dann vor Ort einmal genauer ansehen wollen. Vorletztes Wochenende war es soweit: Meine Eltern besuchten mich gerade in Peru, gegen frühen Nachmittag kamen wir von einer morgendlichen Bootstour durch das Naturschutzgebiet „Tingana“ mit dem „combi“ zurück nach Moyobamba. Spontan – wir sahen am Straßenrand überall große Plastikplanen mit zum Trocknen ausgelegtem Kaffee – stiegen wir an einigen Häusern aus, auf denen in großen Lettern „se compra cafe y cacao“ (man kauft Kaffe und Kakao) steht und die von jenen Planen umgeben sind. Beim Gespräch mit einem Ladenbesitzer fanden wir heraus, dass er den getrockneten Kaffee, der zuvor durch verschiedene Verfahren von seinem Fruchtfleisch entfernt wurde, von Kleinbauern der Region aufkauft. Später klassifiziert er nach Größe und Qualität und verkauft ihn weiter – vor allem an die „Cooperativa Agraria Cafetalera Alto Mayo“, wie er uns sagte.
Also nahmen wir uns ein „mototaxi“ zur deren riesiger Lagerhalle und Büro am Rande der Stadt. Dort leiteten uns Mitarbeiter in einen Raum, aus dem es verdächtig nach Kaffee roch und eine unglaubliche Hitze entgegenschlug, als wir eintraten. Ich konnte unser Glück nicht so richtig fassen: Gerade bekamen zwei deutsche Reisende von einem befreundeten Mitarbeiter der Kooperative eine Führung, sogar mit Kaffeeröstung und Verkostung! Wir durften netterweise auch dabei sein und so ein wenig über eines der typischsten Agrarerzeugnisse Perus erfahren. Jonny war gerade dabei, Kaffeebohnen in einem kleinen Proberöster – der eigentlich zur Qualitätskontrolle da ist – zu rösten.
Währenddessen erklärt er uns, dass der Kaffee sonnengetrocknet, aber noch mit seiner hellen Schale, dem ehemaligen Fruchtfleisch, angeliefert wird. Aber natürlich nicht aus ganz Peru, sondern nur aus dem Anbaugebiet namens „Alto Mayo“ mit seinen „chacras“ (Bauernhöfen) in den nebelwaldbedeckten Anden zwischen 600 und 1800 Metern. Dabei kommt die bessere Bohne aus den höheren Lagen. Hier in Moyobamba werden Proben für Qualitätskontrollen genommen und die Lieferungen danach in Güteklassen eingeteilt. Ein kleines Zettelchen liegt dabei immer in den Probeschälcheen und gibt die wichtigen Kenndaten an: Dieser Kaffee stammt von der Produzentin Audina Perez, es wurden 3 Säcke zu insgesamt 139kg geliefert. Diese haben einen Schalenanteil (C = cascara = Schale) von 21%, einen Anteil von makellosen Bohnen von 57% (R = Rendimiento = Ertrag/Leistung) und enthalten noch 18% Wasser (H = Humedad = Feuchtigkeit). Daraus ergibt sich die zweitbeste Güteklasse G2. Nachdem der Kaffee hier im Zwischenlager angekommen ist, wird ihm in einer Art riesigem Trockner Restfeuchtigkeit bis zu einem Wassergehalt von rund 12% entzogen. Anschließend, so erzählte Johnny, wird maschinell sowohl die Schale, als auch das dünne Pergamenthäutchen entfernt. Übrig bleibt der exportfertige „cafe verde“ (grüner Kaffee).
Von unten nach oben: Kaffee mit Schale, wie er in der Lagerhalle in Moyobamba ankommt. Dann der „café verde“, oben nun schon geröstet.
Dieser exportfertige grüne Kaffeegelangt dann über die große IRSA-NORTE (Ost-West-Verbindungsstraße zwischen Pazifik und Atlantik, die durch Moyobamba und über die Anden führt) zum Containerhafen nach Paita (Nordperu, nahe der Stadt Piura) – und von dort in alle Welt. Im Falle von Tchibo kommt er meist in Hamburg an, wird dort wie unter anderem auch in Berlin und Marki bei Warschau geröstet, verpackt und schließlich verkauft. Nach 15 Minuten Röstung mit zunehmender Hitze bis zu rund 208 Grad waren die Testbohnen fertig. Es roch himmlisch, war dadurch aber auch höllisch heiß in dem kleinen Räumchen.
Durch die Dauer lässt sich der Geschmack des Kaffees stark beeinflussen, erklärte Jonny. Während wir mit den 15 Minuten einen kräftigen Kaffee erhalten, würden schon acht Minuten für ein milderes Aroma mit einer weniger starken Röstnote reichen.
Während Jonny die Bohnen sogleich in die Mühle warf und eine Tasse für alle vorbereitete, kam Omar hinein. Omar ist Vertriebsbeauftragter für Europa und hatte gehört, dass ein paar Deutsche da sind – und ich hatte bei der Ankunft Tchibo erwähnt sowie ein paar Fragen zu ihrem Fairtrade-Kaffee gestellt 😉. Mit großer Freude erzählte er uns nun von Tchibo, einem ihrer anscheinend sehr kaufkräftigen Kunden („un cliente muy, äh, potencial“), und hatte sogar ein kleines Image-Video zu den Vorteilen von Fairtrade dabei. Ich freute mich sehr, endlich auch jemanden zu finden, mit dem ich über das Thema der Arbeitsbedingungen in der Kaffeeproduktion reden konnte. Denn – das hatte ich in einem früheren Gespräch mit einem Café-Besitzer erfahren, das Siegel Fairtrade (und Bio) koppelt den Verkaufspreis ihrer Kaffeesäcke von den eigentlichen Weltmarktpreisen ab. So kostet ein normaler Sack grüner Kaffee (rund 60kg, natürlich auch abhängig von der Qualität) circa 100 Dollar. Mit dem Fairtrade-Siegel kann er diesen jedoch für rund 30 Dollar und Bio-Qualität weitere 20 Dollar mehr verkaufen. Ich fragte mich, wofür diese 30 Dollar letztendlich wirklich ausgegeben werden. Ob sie überhaupt bei den eigentlichen Kaffeebauern ankommen und ob die Menschen davon leben können? Oder mit den Worten von Omar: „Die Frage, mit der ihr hier nach Alto Mayo gekommen seid, ist, wieso ihr dort (in Deutschland) den etwas teureren Kaffee von hier kauft. Hier ist der Grund“: Früher hätten die Bauern den Kaffee meist auf der Erde getrocknet, was eher mindere Qualität produziert. Nun aber wurde mit dem zusätzlichen Geld ein Gestell finanziert, sodass der Kaffee durchlüftet ohne Bodenkontakt trocknen kann. So entsteht eine höhere Qualität für die Kaffee-Kooperative und die Familien können ihr Produkt teurer verkaufen. Eine klassische Win-Win-Situation also. Außerdem habe die Kooperative „Landwirtschaftsingeneure“ angestellt, welche die Bauern auf ihren „fincas“ (Bauernhöfen) besuchen und dort Weiterbildungen zum Kaffeeanbau anbieten. Omar hub besonders hervor, dass das alles junge Menschen seien und sie so attraktive, gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen. So versuchen sie gegen die Abwanderung der jungen Landbevölkerung in die Städte, vor allem nach Lima, anzukämpfen. Zu guter Letzt fügte Omar zusammenfassend hinzu, dass das zusätzliche Fairtrade-Geld einen wirklichen Unterschied für die Familien mache. So merken sie, dass man mit dem Kaffeeanbau sehr wohl auch gutes Geld verdienen und die Familie ernähren kann – eine Sache, die nicht immer so war und heute bei weitem nicht überall so ist. Vor rund 20 Jahren noch war die Region um Moyobamba und Tarapoto eine zum Teil von Terroristen beherrschtes Gebiet. Der Coca-Anbau war weit verbreitet, denn mit ihm lässt sich gutes Geld verdienen. Auch wenn Peru neben Kolumbien noch heute der größte Kokainproduzent (Kokain wird aus Coca gewonnen) Südamerikas ist, konnte das Problem in San Martin in den letzten Jahren zurückgedrängt werden – auch dank des Kaffees. Er ist die legale Alternative zu den Cocasträuchern. Und je höher die möglichen Einnahmen durch Kaffee, desto mehr Bauern satteln auf diesen um, wozu infolgedessen insbesondere auch der Fairtrade-Anbau beitragen kann.
Inzwischen war der Kaffee fertig und wir konnten noch beim Mahlen der eben gerösteten Bohnen zuschauen, während wir schlürften. Ein kleines Packet durften wir sogar mitnehmen. Auf dem Mototaxi wieder zurück nach Hause war ich wirklich glücklich. Mit Jonny und Omar hatten wir zwei so herzliche Menschen getroffen und viel über Kaffee erfahren können. Das Wissen und die Eindrücke werden mir wahrscheinlich noch zu Hause in Deutschland bei einer Tasse Kaffee präsent sein. Ihre Einladung, wieder einmal vorbeizukommen und auf dem Dorf Kaffeeproduzenten zu besuchen, hatte ich mir fest vorgenommen wahrzunehmen. Allerdings war ich – und bin es weiterhin – skeptisch, was die Vorteile von Fairtrade angeht und wie die Arbeitsbedingungen jenseits der Imagevideos, die uns Omar zeigte, sind.
Beim Herausgehen konnten wir noch einen kleinen Blick in die Lagerhalle werfen. Über den Kaffeesäcken hängen de Schilder der einzelnen Siegel. „Rainforest Alliance“ haätte dabei die strängsten Richtlinien, so Omar.Diese Lieferung stammt aus Jaen, einer Stadt aus den nördlichen Anden rund 350km von Moyobamba entfernt. Mit einem speziellen Metallrohr sticht der linke Mann im hellen Shirt in die Säcke und entnimmt so die Proben.Ein „fun fact“, den uns Omar erzählte und offenbar ziemich lustig findet: „Tchibo“ ist hier in Moyobamba der Name für negative Dinge. Wieso hat dann diese Kaffeefirma in Deutschland diesen komischen Namen, fragt er belustigt 😉
Vor einigen Tagen besuchten mich meine Eltern. Wir verbrachten in Chachapoyas einige nette Tage, bevor wir mit dem „colectivo“ die Andenausläufer mit ihren nebelwaldbedeckten Wallungen bis Moyobamba hinunterfuhren. Sie nahmen meine derzeitige Heimatstadt natürlich noch einmal mit ganz anderen Augen wahr als ich. Sie sind viel aufmerksamer, ihr Blick hat sich noch nicht wie meiner am vielen Beton der Stadt abgeschliffen und ihre Ohren sind noch nicht vom Lärm der Mototaxi verstopft, die ich kaum mehr höre. Besonders positiv fallen ihnen die unzähligen Wandmalereien auf, die den grauen Wänden oft ein echtes Dschungelfeeling verleihen und die Stadt sehr viel attraktiver machen. Ich weiß, dass Moyobamba über seine Umgebung hinaus bekannt für die vielen „murales“ (Wandmalereien) ist. Doch im Alltag lief ich meist an ihnen vorüber ohne sie eines Blickes zu würdigen. Eigentlich sehr schade, denn die Kunstwerke sind nicht nur handwerklich toll gemalt, sondern thematisieren auch Problematisches und spiegeln die Tier- und Pflanzenwelt rund um Moyobamba wieder. Grund genug, sie mit einer kleinen Galerie einmal auch hier im Blog zu zeigen:
Hier herrscht ein anderes Narrativ im Bezug auf die Tiere und den Wald. Oft werden sie personifiziert, was sich auch in den Bildern widerspiegelt. Möchte die Person nur das Insekt behutsam auf der Hand tragen oder zeigt sie auf uns? Oft werden sich Legenden und Mythen zum Regenwald, von denen es hier reichlich gibt, abgebildet. Ich mag es, beim hinsehen immer neue Augen zu entdecken. Wo in anderen Städten Werbung nahe der Ampeln platziert ist…😊„Man vergisst Bagua nicht“ In Bagua gab es 2009 einen heftigen Konflikt zwischen Indigenen, die gegen die Rohstoffförderung auf ihrem Gebiet und die Missachtung ihrer Rechte protestierten, und der Polizei. Es starben insgesamt 39 Menschen, als die Lage eskalierte. Sehr empfehlenswerter Lesetipp: https://amerika21.de/nachrichten/inhalt/2009/jun/massaker-825464-peru„Iss nicht noch mehr Bäume auf! Nein zur wahllosen Abholzung von Bäumen!“ (mir gefällt die Differenzierung durch das Adjektiv „indiscriminada“ – „wahllos“ sehr gut. Dieses Bild regt mich von allen am stärksten zum Nachdenken an. Ich freue mich aber auch immer, die hübschen Zierelfen (ja, so heißt diese Kolibriart) zu sehen. Neben der Natur, den Trachten, Festen, Tänzen sind auch die indigenen Wurzeln ein beliebtes Motiv. Das Kultusministerium von Moyobamba scheint Murales zu fördern, deren Insignien auf vielen Murales nach zu schließen. „No más violencia!“ – „Keine Gewalt mehr!“ In den Jahren von 1980 bis rund 2000 steckten einige Gebiete Perus im Bürgerkrieg zwischen kommunistischen Gruppierungen und dem Staat. Moyobamba bekam davon vor allem durch Flüchtlinge zu spüren, außer 1993. Damals versuchten Terroristen die Stadt einzunehmen. Viele Menschen starben. Ich liebe diesen kleinen Baum aus dem Maul der Großkatze. Das passiert, wenn man sich nicht die Zähne putzt 😅 (social flycatcher oben links) Unser Freund Anderson ist professioneller Murales-Künstler. Dadurch konnten wir schon den Entstehungsprozess einiger Bilder miterleben. Besonders beeindruckend finde ich, wie er die Größenverhältnisse auf die riesigen Formate überträgt und aus ein paar Farben alle möglichen Nuancen zusammenmischt.
Nach ziemlich genau einem halben Jahr fand in der letzten Woche, also vom 17. bis 22. Januar, nahe Lima das Zwischenseminar aller Freiwilligen aus Peru statt. Lea und ich reisten schon am Freitag in Richtung Lima, um in der Hauptstadt das Wochenende zu verbringen. Ich hatte schon davor im Netz immer wieder von einer gewissen „muro de la vergüenza“ (Mauer der Schande) gelesen. Mich interessieren örtliche Probleme sehr. Wenn ich zu ihnen recherchiere und sie zu begreifen versuche, habe ich das Gefühl, dem Land und den Menschen näher kommen zu können. Allerdings ist es zum Teil sehr schwierig, genaue und differenzierte Informationen zu kontroversen Themen in Peru zu finden. Deshalb besuche ich die Orte gern und versuche mit Menschen direkt in Kontakt zu kommen. Diese Möglichkeit bot sich mir nun auch mit der „Mauer der Schande“ in Lima. Diese rund zwei Meter hohe, stacheldrahtverstärkte Mauer trennt im Osten der Metropole zwei Stadtteile, die verschiedener nicht sein könnten: Die sich an trockendste Berghänge anschmiegende Elendssiedlung „La Pamplona“ sowie die oasengrüne „gated community“ von „Casuarinas“. In Randvierteln (auf Spanisch „barriadas“) wie „La Pamplona“ errichten meist Binnenmigranten auf eigene Faust eine Bleibe aus Spanplatten und Wellblech in den Wüstensand, natürlich informell. Diese werden mit der Zeit Stück für Stück verbessert, es entwickelt sich eine bessere Infrastruktur und sie werden oftmals legalisiert. Außerdem gelten sie als sehr unsicher. So genannte „gated communities“, hier nennt man sie „comunidades privadas“, sind dagegen meist deutlich wohlhabener und nur bestimmte Personen haben Zutritt. Das Sicherheitspersonal überwacht die Siedlung rund um die Uhr, große Zäune und Videokameras befriedigen das Sicherheitsbedürfnis der dort Lebenden, was wohl den wichtigste Grund für deren Existenz darstellt. Ich hatte mir während einer sehr abenteuerlichen fast zweistündigen Busfahrt aus dem Zentrum überlegt, dass ich am besten von „Casuarinas“ versuche, an die Mauer heranzukommen. Am Eingang trug ich meine Daten in eine Liste ein und unterhielt mich kurz mit dem vetdutzten Wachmann. Er hatte mich anfangs für ein Familienmitglied, also Bewohner des Viertels gehalten. Und so schlenderte ich in der Abendsonne den Berg in die Richtung Mauer nach oben.
Die ersten Dinge, die ich in der „gated community“ erblickte, waren hohe Mauern, Stromd- und Stacheldraht, Videokameras, gepflegte große grüne Gärten (Lima liegt in der Wüste), riesige Autos und kaum Menschen.
Auf dem Weg traf ich Santiago. Er ist auf einem der Anwesen als Gärtner angestellt, kommt aus „La Pamplona“ und muss jeden Tag einen großen Umweg machen, um zur Arbeit zu kommen. Jorge, einen Taxifahrer, traf ich kurz danach und fuhr mit ihm ein Stückchen nach oben in Richtung Mauer. Er hat ein spannendes Geschäftskonzept, die Mauer schafft ihm gewissermaßen seine Arbeit. Da wie Santiago viele Menschen aus „La Pamplona“ und anderen Stadtvierteln als günstige Arbeiter in der „gated community“ ihr Geld verdienen, aber sehr weit um die Mauer herum laufen müssten, sammelt er Abend für Abend alle ein und bringt sie in Richtung zu Hause. Mit Jorge konnte ich mich zu der Mauer auch ein wenig länger unterhalten. Während der Gärtner Santiago sie zwar als ungerecht wahrnahm, aber schulterzuckend hinnahm, schien Jorge sie folgerichtig zu empfinden. Jenseits der Mauer wohnen schließlich Menschen „de mal vivir“ (einer schlechten Lebensart): Sie würden rauben, Marihuana rauchen und sogar über die Mauer klettern, deshalb ist diese auch zum Teil videoüberwacht.
Blick auf das Meer, Lima und die „comunidad privada“ in dem Stadtteil „Las Casuarinas“.Mit Jorge konnte ich mich super nett unterhalten. Trotzdem fand ich es makaber, dass er im Prinzip mit der Mauer seinen Lebensunterhakt verdient.
Oben angekommen habe ich einen wunderschönen Blick auf die in orangefarbenen Nebel getauchte Neun-Millionen-Metropole Lima. Doch links in mein Bild schiebt sich unweigerlich diese hohe graue Mauer. Die unter einer dicken Staubschicht begrabenen, tristen Hütten, die sich an der anderen Seite die Mauer entlangdrücken, lassen mich die Abendstimmung nur kurz genießen.
Ob die nackte Puppe dort absichtlich platziert wurde? Ein starkes Symbol ist sie allemal.
Nur ein paar Minuten später kommt ein Wachmann auf dem Motorrad auf seiner regelmäßigen Runde vorbei. Nachdem er sich nach meinem Namen und Vorhaben erkundigt hatte, darf ich ihn sogar nach unten begleiten. Er erklärt, früher habe es viel Kriminalität (es wurden wohl Röhren geklaut) gegeben und die Mauer existiere, weil man ja nie wisse „was einem passieren könne“. Auf mein Nachhaken fügt er an, dass die Menschen aus Notwendigkeit klauen. Am Ausgang komme ich noch einmal mit drei Wachmännern und einem extra für die „comunidad privada“ zuständigen Polizisten ins Gespräch. Sie wunderten sich, dass ich trotz der strengen Kontrollen in die „gated community“ gekommen war. Ich erklärte, dass mich Mauern interessieren – ich komme schließlich aus Berlin (was ihnen auch ein Begriff war) – und füge fragend an, ob diese hier ebenso ungerecht sei wie jene meiner Heimat war. „Mauern sind immer ungerecht“ entgegnet er mir und fügt hinzu, dass diese Mauer hier von einigen Menschen auch als „muro de la vergüenza“ (Mauer der Scham/Schande) genannt werde. Im Bus auf den übervollen Straßen Limas zurück in mein Hostel, notiere ich mir die Meinungen meiner vielen Gesprächspartner und lasse die Eindrücke sacken. Mir war zwar schon vor diesem Nachmittag bewusst, dass es extreme soziale und wirtschaftliche Unterschiede in Peru gibt. Doch diese Mauer wirkte viel stärker als jede Statistik auf mich.
Der Schriftzug „LOS MUROS SYMBOLIZAN UNA SOCIEDAD ENFERMA E INHUMANA“ (Die Mauern symbolisieren eine kranke und unmenschliche Gesellschaft) wurde versucht von der Mauer zu entfernen.Auf Sattelitenbildern kann man die Mauer gut erkennen (hier von mir rot nachgemalt). Vor allem aber fällt der Unterschied in der Siedlungsstruktur, den Grünflächen und Grundstücksgrößen auf.
Wenn ich morgens aufstehe, trommelt nicht selten der Regen auf unser Wellblechdach. Oft hüllt auch der Nebel die Häuser wie in Watte ein. Zwar gab es das in den vergangenen fünf Monaten auch regelmäßig, doch häufte es sich in den letzten paar Wochen deutlich und ich dachte an meinen Geographieunterricht. Mir kamen Wörter wie „Passatzirkulation“, „Innertropische Konvergenzzone“ und „Zenitalregen“ wieder in den Kopf und ich musste mir natürlich einmal das Klimadiagramm Moyobambas ansehen. Darauf kann man gut erkennen, dass es im Jahr zwei Niederschlagsmaxima, also Regenzeiten gibt: Um den Oktober und um den März. Das Wetter hier nahe dem Äquator (Moyobamba liegt auf 6 Grad südlicher Breite) ist kaum Schwankungen in der Temperatur unterworfen, weshalb die Menschen nur in „epoca de lluvia“ (Regenzeit) und keine „epoca de lluvia“ unterteilen.
Klimadiagramm der Region San Martín.
Als ich mich mit meinem Kollegen Peter und anderen Peruanern darüber unterhielt, wunderte ich mich aber, dass hier immer nur von einer Regenzeit gesprochen wird. Die im Oktober wird von den meisten nicht als „epoca de lluvia“ wahrgenommen. Das ist aber auch verständlich, denn die Niederschläge im März sind bedeutend zahlreicher und andauernder. Und davon bekamen wir in den letzten Wochen, obwohl der März ja noch lange nicht da ist, eine kleine Kostprobe: Am 24. Januar regnete es so heftig, dass innerhalb kurzer Zeit die Straßen ziemlich am Überlaufen waren. Aber in Moyobamba gibt es ein recht gutes unterirdisches Kanalsystem, in dem das viele Wasser recht schnell ablaufen kann. Eigentlich hatten wir am Abend nach der Arbeit vor, kurz in die „baños termales“ (Thermalbäder nahe Moyobamba) zu fahren. Das wurde dann aber nichts. Wir bekamen kurz davor mit, dass der kleine Fluss, der durch das Areal der Bäder fließt, zu einem reißenden Strom angeschwollen und über die Ufer getreten war. Die Wassermassen zerstörten so viel, dass wir erst Mitte April, nachdem alles repariert wurde, wieder das warme Wasser genießen können.
Das Bild bekamen wir als Warnung, nicht zu den Thermalbädern zu fahren, von einem Freund gesendet.
Aber nicht nur an solchen extremen Ereignissen kann man den Regen merken. Während sich normalerweise sehr viel des täglichen Lebens auf der Straße abspielt, ist es an einem verregneten Nachmittag ruhiger. Die Grillstände bleiben im Haus, der „Plaza de Armas“ ist leer und auch die Vögel sind weniger aktiv. Das Leben legt eine kleine Pause ein, nur die wummernd-trillernde Cumbia-Musik dringt wie immer in die Straßen von Zaragoza.
Zwar sind in letzter Zeit weniger Vögel am „Punta de Tahuishco“ unterwegs, dafür wird man aber mit einem tollen Blick belohnt.
Eigentlich hatte ich mich mit drei anderen Freiwilligen aus San Martín verabredet, um im Bergnebelwald nahe Tarapotos zu wandern. Doch der Wetterbericht kündigte starken Regen an. Die gerade beginnende Regenzeit kann eine Wanderung, wie wir sie vorhatten, dann ziemlich schwierig machen. Vor zwei Wochen war in eben jenem Wandergebiet eine halbe Straße vom angeschwollenen Fluss aufgeweicht worden und sackte schließlich ab. Also änderten wir unseren Plan und fuhren stattdessen nach Lamas, eine 22 Kilometer von Tarapoto entfernte Kleinstadt, fast Dorf. Es ist so ziemlich DAS indigene Zentrum von San Martín und wird verständlicherweise auch dementsprechend touristisch frequentiert. Wir hatten (wir waren zu viert, da lohnt sich das) einen eigenen Fahrer, der uns in das Dorf brachte und zwischen allen Sehenswürdigkeiten herumkutschieren wollte. Während er seine standardmäßige Touri-Tour mit Souvenir-Shop und teurem Restaurant abspulen wollte, hatten wir eher Lust das Städtchen auf eigene Faust zu erkunden. Wir hatten ganz andere Vorstellungen. So kam es, dass die anderen Drei leider schon sehr früh wieder nach Tarapoto fuhren – der Fahrer drängelte sehr und wurde echt unfreundlich. Ich blieb noch ein wenig. Denn ich hatte gehört, es würde gegen 15:00 Uhr ein typischer Karnevalsumzug stattfinden. Gerade ist Karnevalszeit, und hier in Peru wird das sehr ausgiebig gefeiert. Dabei zelebriert jede Region den Karneval ein wenig anders, die Städte Cajamarca, Ayacucho und Puno sind besonders bekannt für ihre Feierlichkeiten. Da sich in Lamas viele alte, zum Teil indigene Traditionen, Bräuche und folkloristische Tänze erhalten haben, war ich gespannt wie es hier so in der Karnevalszeit zugehen würde. Von weitem hörte ich dann schon die typische Musik einer Pauke, Trommel und Klarinette, kurz darauf konnte man sie auf dem „Plaza de Armas“ sehen: Neben der dreiköpfigen Band lief eine Menge verkleideter Kinder kreuz und quer. Sie trugen pyjamaartige Klamotten und quietschbunt bemalte hölzerne Masken, die zwei lange Hörner hatten. Sie stellen wohl „chivos“ – Ziegenböcke – dar und begleiten den Hauptprotagonisten, den „Ño Carnavalón“ mit seinem großen Holzkopf und Hut durch die Straßen.
Werden die Masken eventuell auch getragen, um nicht erkannt zu werden, freier die Späße treiben zu können und ohne Angst auch Fremde zu durchnässen?
Wenn ich das bei meinen kurzen Gesprächen richtig verstanden habe, repräsentiert er die Karnevalszeit und wird zum Ende unter großer Trauer in einem Park begraben. Bis dahin wird aber so richtig die Sau herausgelassen. Ein marodierender (Kinder)Mob läuft mit lauter Musik durch die Straßen, alle bewerfen sich mit Wasserbomben, gießen ganze Wassereimer über die Menge und parodieren sich tanzend gegenseitig. Hintendran laufen die Älteren und Mütter, die die Kinder mit noch mehr Wasserbomben versorgen😉. Alle haben einen riesigen Spaß und die Erfrischung habe auch ich bei der Hitze sehr genossen (man muss natürlich gut auf das Handy aufpassen!).
Richtig schmutzig wird es erst, wenn die Kinder auch noch Farbe in die Wasserbomben mischen.
Anstrengend ist das Ganze aber natürlich auch, weshalb alle zusammen immer mal wieder eine „Bodega“ (hiesiger Tante-Emma-Laden) „überfallen“ und sich von den Besitzern mit Popcorn, Saft und Eis versorgen lassen. Jede Unterstützung für diese Bräuche sei, wie ich in einer Broschüre las, wichtig für deren Fortbestehen. Die Stadt profitiert zwar davon, aber dieser Umzug wird beispielsweise hauptsächlich ehrenamtlich vorbereitet.
Mich erinnerte die Sitte, mit dem Karnevalsumzug bei kleinen Einkaufsläden für eine Stärkung vorbeizuschauen, an die sorbische Tradition des Fastnachtsumzugs im Spreewald, den mir mein Opa zeigte. Dort wird in der Faschingszeit tanzend von Gehöft zu Gehöft gezogen und die halbe Dorfgemeinschaft dort dann mit Kaffee, Kuchen, Wurst, Broten und Spirituosen versorgt.Die Bodegabesitzer haben sich aber vorher dafür bereit erklärt die Kinder zu versorgen. Sie nutzen die Gelegenheit vielleicht auch, um ein wenig für sich zu werben und bei den Leuten beliebt zu machen😉
In Lamas wird zum Teil noch eine Quechua-Varietät, das Lamas-Quechua gesprochen. Diese Sprache ist einer starken Verdrängung ausgesetzt, es gibt nur noch rund fünfzehntausend Sprecher – Tendenz abnehmend. Aus Furcht, als rückständig zu gelten, wird die Sprache oft nicht mehr an die Kinder weitergegeben. Der Staat und NGO´s versuchen dem entgegenzuwirken, 143 Schulen sind, wie auf dem Bild, nun bilingual. Das Lamas-Quechua als Erstsprache besitzt jedoch nur eine einzige kleine Dorfschule in ganz Peru.
Diesen Sonntag wurde in Peru ein neuer Kongress gewählt. Das ist insofern etwas besonderes, da normalerweise alle fünf Jahre gleichzeitig über die 130 neuen „congresistas“ (Kongressmitglieder*innen) und den Präsidenten abgestimmt wird. So aber nicht diesen Sonntag. Die Vorgeschichte dazu ist ein wenig länger: Während der Diktatur Alberto Fujimoris von 1990 bis 2000 führte dieser nach einem Staatsstreich zur Entmachtung des Kongresses 1992 ein Jahr später eine auf ihn angepasste Verfassung ein. Nachdem die Diktatur im Jahr 2000 beendet wurde, sollen große Reformpakete in den verschiedensten Bereichen die Verfassung erneuern und so beispielsweise der starken Korruption und Bereicherung der Politiker aus der Diktaturzeit die Grundlage entziehen. Doch besitzen Unterstützer*innen Fujimoris bis heute noch immer großen Einfluss im Kongress. In der letzten Legislaturperiode hatte die Tochter des ehemaligen Diktators Keiko Fujimori an der Spitze mit ihrer „Fuerza Popular“ (Volkskraft) einen Großteil (59 von 130 Plätzen) hinter sich und konnte so die Reformpakete des jetzigen Präsidenten Vizcarra (parteilos) erfolgreich blockieren. Unterdessen ließ der Präsident 2018 ein Referendum zu den Verfassungsänderungen unter allen Peruaner*innen abhalten, welche mit 74 Prozent angenommen wurde. Doch noch immer fehlte die nötige Zustimmung im Kongress. Im September letzten Jahres zog, wie viele Medien es nannten, Vizcarra dann die „Reißleine“, löste den Kongress auf und rief sehr kurzfristige außerplanmäßige Neuwahlen für den 26.01.2020 aus – seine Beliebtheitswerte schossen daraufhin auf 86 Prozent in die Höhe. Nun hofft Vizcarra im neu gewählten Kongress eine Mehrheit für seine Gesetze zu finden und die Fujimojistas, vor allem die „Fuerza Popular“, zu schwächen. Ich war sehr gespannt, wie ich die Zeit vor dem Wahlgang und den Wahlsonntag selbst aufnehmen würde – Wahlen in einem anderen Land erlebt man ja nicht alle Tage. Leider blieben mir viele Vorgänge, wie beispielsweise der Wahlkampf, ziemliche Rätsel, trotzdem konnte ich natürlich einige interessante Unterschiede zu deutschen Urnengängen mitbekommen. Beispielsweise gibt es in Peru Wahlpflicht für alle Bürger zwischen 18 und 70 Jahren. Sollte eine Person nicht teilnehmen, wird eine Strafzahlung zwischen 20 und 80 soles (circa 6 bis 25 Euro, je nach Einkommen gestaffelt) fällig. Da die Stimmen im Wahllokal, meist den Schulen, des im Pass eingetragenen Heimatortes abgegeben werden, müssen viele Peruaner nach Hause fahren. Deshalb sind die Busse sehr viel stärker ausgelastet als sonst, ich konnte einmal kaum aus dem „multivan“ aussteigen. Außerdem fanden an manchen Tagen vor dem Wahlsonntag laute Auto- und Mototaxikorsos statt. Fahnen der jeweiligen Partei wurden geschwenkt, alle trugen Shirts mit dem Parteilogo und die Leute stimmten Sprüche an. Nur verstand ich nicht so richtig, wo sich die Menschen informieren, woher sie ihre Begeisterung für eine Partei – und noch wichtiger – die Kandidaten haben. Am Freitag fragte ich dann einfach mal meinen Karatelehrer, was er über die Wahlen denkt. Er antwortete wie so ziemlich alle, die ich ansprach: Er winkte ab, sagte „todos son mentirosos“ ([die Kandidaten] sind alles Lügner), öffnete mit seiner rechten Hand demonstrativ die Hosentasche und schüttelte sie, sodass einige Soles klimperten. Die meisten Peruaner*innen, die ich fragte, haben wie mein Karatelehrer Calvin jegliches Vertrauen in die Politik verloren. Für sie sind die „congresistas“ einfach nur Korrupte, die sich selbst bereichern wollen, und bei ihnen alles Übel seinen Ursprung hat. Sehr viel differenzierter als alle anderen, mit denen ich sprach, sieht das Alfonso, Ehemann meiner Mentorin in San Martín. Er kritisiert zwar auch den Poltikbetrieb in Peru, doch er findet, vielen Peruanern gefalle es auch, die Schuld nur auf die Politiker zu schieben und rumzumeckern. Er sei eher Optimist und meint, dass es „poco a poco“ (Schritt für Schritt) schon viele positive Veränderungen in den letzten 20 Jahren gegeben habe. Ich freue mich sehr, dass er sich die Zeit nimmt, mir viel über die Geschichte des Staates und wie Politik hier funktioniert, zu erklären. Für mich war das nicht immer ganz einfach zu verstehen, obwohl das System doch so simpel gestrickt sei, wie Alfonso immer wieder betont.
Wie die Wahl ausgegangen ist, werde ich dann bei den ersten Hochrechnungen erfahren. Ich bin gespannt!
„Wenn nur noch einige Minuten bis zum trockenen Gesetz fehlen (ley seca)“ das „ley seca“ verbietet jeglichen Konsum und Verkauf von Alkohol vor, während und nach der Wahl. Bei den Jüngeren hatte ich das Gefühl, war es fast wichtiger als die Wahl. Hier ein WhatsApp-Status eines Freundes. Ein sehr typisches Wahlplakat, fast alle haben auch dieses Design. Außer durch Plakate und einige Autokorsos habe ich keinen wirklichen Wahlkampf erlebt. Das lag aber wahrscheinlich auch an dem sehr kurzfristigen Wahltermin, wodurch die Parteien kaum Zeit hatten, Kampagnen aufzubauen.
In Cuzco kam ich nach einer weiteren Übernachtfahrt von Lima am 27. Dezember an. Anais, eine andere Freiwillige des Welthauses in Cusco, holte mich am Busterminal ab. Auf der Fahrt hatte ich es schon gelesen und auch im Ausland ist die Region dafür bekannt: Cuzco ist eine Stadt voller Kultur. Das liegt vor allem daran, dass Cuzco die Hauptstadt des hoch entwickelten Inkareiches war, welches kurz vor der Ankunft der Spanier ein riesiges Territorium von Ecuador über Peru bis tief nach Argentinien umfasste.
Ich wohnte im bei Touristen zu recht sehr beliebten Künstlerviertel „San Blas“ oberhalb der „Plaza de Armas“. Einzig die vielen Treppen können auf rund 3400 Metern Höhe ziemlich anstrengend werden, insbesondere an den ersten Tagen.
Besonders spannend ist dabei, dass man selbst im Stadtzentrum die Überreste der Inkabauten sehen kann. Diese wurden zwar nach der Ankunft und der Eroberung durch die Spanier systematisch zerstört. Aber auf den Mauern der Tempel wurde die neue Stadt erbaut.
Das Kloster „Santo Domingo“ wurde auf den Mauerresten des wichtigsten Tempels der Inka, „Coricancha“, erbaut.
Trotzdem wollte ich natürlich auch einmal die Bilderbuchruinen sehen – und entschied mich für den Morgen des 31. Dezember „Sacsayhuaman“ zu besuchen. Also stand ich früh auf, um nach deutscher Manier um 7:00 Uhr zur Öffnung schon vor dem Tor zu stehen. Tatsächlich ging mein Plan auf und ich konnte mir fast allein die Gebäudereste ansehen, mich in der ruhigen Morgenstimmung auf die Steine setzen und zu „Sacsayhuamán“ lesen. Zur Zeit der Inka bildete der Komplex aus der Luft betrachtet wohl den Kopf des Panthers, die Stadt Cusco den Körper. Er scheint also eine wichtige Funktion gespielt haben. Doch sicher sind sich die Forscher noch immer nicht, ob „Sacsayhuamán“ früher eher ein religöses Zentrum, eine Festung oder beides nacheinander gewesen sein könnte.
Diese Zick-Zack-Mauern mit ihren enormen Steinen sollen wohl die Zähne des Panthers dargestellt haben. Mich erinnerten sie auch ein wenig an die spornförmigen Mauern in den Wehranlagen und Bastionen der Städte aus dem 16. Und 17. Jahrhundert in Deutschland.
Vor allem aber beeindruckten mich die Mauern, die aus bis zu 200 t schweren Steinen zusammengesetzt sind. Sie wurden per Muskelkraft bis zu 20 km durch die Berge transportiert und fugenlos ineinandergepasst. Die Steinmetze haben solche Qualitätsmauern erbaut, dass sie schon damals erdbebensicher waren und man selbst heute kein Blatt Papier zwischen den Fels bekommt. Sehr schade fand ich, dass ich nirgends Erklärungen zu dem riesigen Steinen und Mauern finden konnte. So blieb mir das Bestaunen dieser wundervollen Steingemäuer, in denen sich jeder einzelne Stein mit seinen Kanten, Rundungen und Macken in geordneter Unordnung zu einer unglaublichen Ästhetik zusammenfügt.
Gegen Mittag besuchte ich die Kathedrale von Qosqo am Hauptplatz der Stadt. Ihre Türme sind zwar nicht besonders hoch (37 Meter) in den Himmel gewachsen, aber im Inneren enthält sie einiges an aussagekräftiger Kunst. So zum Beispiel ein riesiges Gemälde des letzten Abendmals. An Stelle von Wasser und Brot liegt ein gegrilltes Meerschweinchen („cuy“), ein andentypisches Gericht, auf dem Teller. Durch die Adaption des Katholizismus mit Elementen der indigenen Kultur versuchten Missionare ihre Religion möglichst schnell zu verbreiten. Das war sehr erfolgreich, führte aber auch zu einem Synkretismus und solchen auf den ersten Blick merkwürdig, fast lustig erscheinende Gemälde. Am späten Nachmittag traf ich mich wieder einmal mit Anais und ihrem Freund, wir wollten gemeinsam zum Abendessen picknicken. Und sie kennen da wohl einen ganz besonders schönen Ort, meinten sie. Wir fuhren ein paar Minuten mit dem Bus, liefen noch ein Stückchen einen stadtnahen Hang hoch – und standen vor einer Inkaruine! Sie heißt auf Quechua „Rimiwasi“, was so viel wie Steinhaus bedeutet, und besitzt sogar einen unterirdischen Tunnel. Den schauten wir uns nach dem Essen natürlich auch an. Am liebsten denke ich aber daran, die Abendstimmung allein auf einer Inkaruine mit zwei Freunden beim Picknick mit Blick auf Cuzco zu genießen.
Nicht nur für mich war der Ort ein besonderer. Im Tunnel fanden wir kleine Opfergaben, die wohl den Göttern dargebracht wurden: Ein Becher mit Inka-Cola, ein kleines Zettelröllchen, Bonbons sowie jede Menge Kokablätter😊
Es fing kurz nach Sonnenuntergang ziemlich an zu regnen. Dadurch fiel für uns leider auch der der cusqueñische Silvesterbrauch zu 12 Uhr mit den Menschenmassen drei Mal um den Plaza de Armas zu laufen ins Wasser. Wir verbrachten die letzten Minuten dann trotzdem ganz nett auf einer Aussichtsplattform mit Blick auf die Altstadt und genossen das Feuerwerk – geknallt wird auch hier fleißig.
An diesen Tagen konnte man an jeder Ecke die Farbe gelb finden, sie steht hier für Glück. Besonders lustig fand ich die gelben Unterhosen, die an jeder Ecke verkauft werden. Sie zum Jahreswechsel zu tragen soll Glück bringen😅
Das schönste erlebte ich aber am Neujahrsmorgen, nachdem ich von meinem kleinen Hostel hinunter zum „Plaza de Armas“ lief. Dorfbewohner aus den umliegenden Gemeinden waren nach Cusco gekommen, um eine Prozession zu feiern. Dabei trugen sie eine heilige Statue durch die Straßen, sangen und tanzten. Schade, dass ich nirgends näheres dazu herausfinden konnte. Weder die Leute um mich herum noch im Internet fand ich Hintergründe zu diesem Brauch. Aber die Trachten waren wunderschön bunt und so ein oder anderes präpariertes Lamakalb hing um die Schultern der Tänzer.
Die überwältigende Mehrheit der peruanischen Bevölkerung gehört zwar dem Christentum an, aber (vor allem im Hochland) werden auch die Gottheiten der indigenen Religion verehrt. Seit 1944 sind auch dessen Feste wieder erlaubt, unter den Spaniern wurde das Feiern dieser verboten und verfolgt. Heute sind sie über die Grenzen Cuscos bekannt und eines der wichtigsten kulturellen Ereignisse Perus – und gleichzeitig Touristenattraktion.
Kleiner Test zum Schluss😅: Ist dir aufgefallen, dass die Stadt, der dieser Beitrag gewidmet ist, verschieden geschrieben wurde? Das ist kein Fehler, sondern korrekt: Cuzco mit z wird die Stadt (und auch Provinz) außerhalb Perus geschrieben. Innerhalb Perus dagegen hat sich die Schreibweise „Cusco“ durchgesetzt. Die dritte der gängigsten Varianten ist das ans Quechua (indigene Sprache der Anden) angenäherte „Qosqo“, was heute auch die Stadtverwaltung verwendet.