Lima

Nach ziemlich genau einem halben Jahr fand in der letzten Woche, also vom 17. bis 22. Januar, nahe Lima das Zwischenseminar aller Freiwilligen aus Peru statt. Lea und ich reisten schon am Freitag in Richtung Lima, um in der Hauptstadt das Wochenende zu verbringen.
Ich hatte schon davor im Netz immer wieder von einer gewissen „muro de la vergüenza“ (Mauer der Schande) gelesen. Mich interessieren örtliche Probleme sehr. Wenn ich zu ihnen recherchiere und sie zu begreifen versuche, habe ich das Gefühl, dem Land und den Menschen näher kommen zu können. Allerdings ist es zum Teil sehr schwierig, genaue und differenzierte Informationen zu kontroversen Themen in Peru zu finden. Deshalb besuche ich die Orte gern und versuche mit Menschen direkt in Kontakt zu kommen. Diese Möglichkeit bot sich mir nun auch mit der „Mauer der Schande“ in Lima.
Diese rund zwei Meter hohe, stacheldrahtverstärkte Mauer trennt im Osten der Metropole zwei Stadtteile, die verschiedener nicht sein könnten: Die sich an trockendste Berghänge anschmiegende Elendssiedlung „La Pamplona“ sowie die oasengrüne „gated community“ von „Casuarinas“. In Randvierteln (auf Spanisch „barriadas“) wie „La Pamplona“ errichten meist Binnenmigranten auf eigene Faust eine Bleibe aus Spanplatten und Wellblech in den Wüstensand, natürlich informell. Diese werden mit der Zeit Stück für Stück verbessert, es entwickelt sich eine bessere Infrastruktur und sie werden oftmals legalisiert. Außerdem gelten sie als sehr unsicher.
So genannte „gated communities“, hier nennt man sie „comunidades privadas“, sind dagegen meist deutlich wohlhabener und nur bestimmte Personen haben Zutritt. Das Sicherheitspersonal überwacht die Siedlung rund um die Uhr, große Zäune und Videokameras befriedigen das Sicherheitsbedürfnis der dort Lebenden, was wohl den wichtigste Grund für deren Existenz darstellt.
Ich hatte mir während einer sehr abenteuerlichen fast zweistündigen Busfahrt aus dem Zentrum überlegt, dass ich am besten von „Casuarinas“ versuche, an die Mauer heranzukommen. Am Eingang trug ich meine Daten in eine Liste ein und unterhielt mich kurz mit dem vetdutzten Wachmann. Er hatte mich anfangs für ein Familienmitglied, also Bewohner des Viertels gehalten. Und so schlenderte ich in der Abendsonne den Berg in die Richtung Mauer nach oben.

Die ersten Dinge, die ich in der „gated community“ erblickte, waren hohe Mauern, Stromd- und Stacheldraht, Videokameras, gepflegte große grüne Gärten (Lima liegt in der Wüste), riesige Autos und kaum Menschen.

Auf dem Weg traf ich Santiago. Er ist auf einem der Anwesen als Gärtner angestellt, kommt aus „La Pamplona“ und muss jeden Tag einen großen Umweg machen, um zur Arbeit zu kommen. Jorge, einen Taxifahrer, traf ich kurz danach und fuhr mit ihm ein Stückchen nach oben in Richtung Mauer. Er hat ein spannendes Geschäftskonzept, die Mauer schafft ihm gewissermaßen seine Arbeit. Da wie Santiago viele Menschen aus „La Pamplona“ und anderen Stadtvierteln als günstige Arbeiter in der „gated community“ ihr Geld verdienen, aber sehr weit um die Mauer herum laufen müssten, sammelt er Abend für Abend alle ein und bringt sie in Richtung zu Hause. Mit Jorge konnte ich mich zu der Mauer auch ein wenig länger unterhalten. Während der Gärtner Santiago sie zwar als ungerecht wahrnahm, aber schulterzuckend hinnahm, schien Jorge sie folgerichtig zu empfinden. Jenseits der Mauer wohnen schließlich Menschen „de mal vivir“ (einer schlechten Lebensart): Sie würden rauben, Marihuana rauchen und sogar über die Mauer klettern, deshalb ist diese auch zum Teil videoüberwacht.

Blick auf das Meer, Lima und die „comunidad privada“ in dem Stadtteil „Las Casuarinas“.
Mit Jorge konnte ich mich super nett unterhalten. Trotzdem fand ich es makaber, dass er im Prinzip mit der Mauer seinen Lebensunterhakt verdient.


Oben angekommen habe ich einen wunderschönen Blick auf die in orangefarbenen Nebel getauchte Neun-Millionen-Metropole Lima. Doch links in mein Bild schiebt sich unweigerlich diese hohe graue Mauer. Die unter einer dicken Staubschicht begrabenen, tristen Hütten, die sich an der anderen Seite die Mauer entlangdrücken, lassen mich die Abendstimmung nur kurz genießen.

Ob die nackte Puppe dort absichtlich platziert wurde? Ein starkes Symbol ist sie allemal.


Nur ein paar Minuten später kommt ein Wachmann auf dem Motorrad auf seiner regelmäßigen Runde vorbei. Nachdem er sich nach meinem Namen und Vorhaben erkundigt hatte, darf ich ihn sogar nach unten begleiten. Er erklärt, früher habe es viel Kriminalität (es wurden wohl Röhren geklaut) gegeben und die Mauer existiere, weil man ja nie wisse „was einem passieren könne“. Auf mein Nachhaken fügt er an, dass die Menschen aus Notwendigkeit klauen.
Am Ausgang komme ich noch einmal mit drei Wachmännern und einem extra für die „comunidad privada“ zuständigen Polizisten ins Gespräch. Sie wunderten sich, dass ich trotz der strengen Kontrollen in die „gated community“ gekommen war. Ich erklärte, dass mich Mauern interessieren – ich komme schließlich aus Berlin (was ihnen auch ein Begriff war) – und füge fragend an, ob diese hier ebenso ungerecht sei wie jene meiner Heimat war. „Mauern sind immer ungerecht“ entgegnet er mir und fügt hinzu, dass diese Mauer hier von einigen Menschen auch als „muro de la vergüenza“ (Mauer der Scham/Schande) genannt werde.
Im Bus auf den übervollen Straßen Limas zurück in mein Hostel, notiere ich mir die Meinungen meiner vielen Gesprächspartner und lasse die Eindrücke sacken. Mir war zwar schon vor diesem Nachmittag bewusst, dass es extreme soziale und wirtschaftliche Unterschiede in Peru gibt. Doch diese Mauer wirkte viel stärker als jede Statistik auf mich.

Der Schriftzug „LOS MUROS SYMBOLIZAN UNA SOCIEDAD ENFERMA E INHUMANA“ (Die Mauern symbolisieren eine kranke und unmenschliche Gesellschaft) wurde versucht von der Mauer zu entfernen.
Auf Sattelitenbildern kann man die Mauer gut erkennen (hier von mir rot nachgemalt). Vor allem aber fällt der Unterschied in der Siedlungsstruktur, den Grünflächen und Grundstücksgrößen auf.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s