Kaffee aus Moyobamba

An dem Tag vor ziemlich exakt einem Jahr, an welchem ich vom Welthaus Bielefeld e.V. für dieses weltwärts-Jahr in Moyobamba eine Zusage erhielt, kaufte meine Mutter Kaffee in einem großen deutschen Kaffeeladen. Und zufälligerweise kam genau diese 250g-Tüte aus Peru – und noch lustiger: von der Kaffeekooperative „Cooperativa Agraria Cafetalera Alto Mayo“ direkt aus Moyobamba.


Besonders meinem Papa und auch mir war klar, dass wir uns die Produktion dieses Fair-Trade- und Biokaffees dann vor Ort einmal genauer ansehen wollen. Vorletztes Wochenende war es soweit: Meine Eltern besuchten mich gerade in Peru, gegen frühen Nachmittag kamen wir von einer morgendlichen Bootstour durch das Naturschutzgebiet „Tingana“ mit dem „combi“ zurück nach Moyobamba. Spontan – wir sahen am Straßenrand überall große Plastikplanen mit zum Trocknen ausgelegtem Kaffee – stiegen wir an einigen Häusern aus, auf denen in großen Lettern „se compra cafe y cacao“ (man kauft Kaffe und Kakao) steht und die von jenen Planen umgeben sind.
Beim Gespräch mit einem Ladenbesitzer fanden wir heraus, dass er den getrockneten Kaffee, der zuvor durch verschiedene Verfahren von seinem Fruchtfleisch entfernt wurde, von Kleinbauern der Region aufkauft. Später klassifiziert er nach Größe und Qualität und verkauft ihn weiter – vor allem an die „Cooperativa Agraria Cafetalera Alto Mayo“, wie er uns sagte.


Also nahmen wir uns ein „mototaxi“ zur deren riesiger Lagerhalle und Büro am Rande der Stadt. Dort leiteten uns Mitarbeiter in einen Raum, aus dem es verdächtig nach Kaffee roch und eine unglaubliche Hitze entgegenschlug, als wir eintraten. Ich konnte unser Glück nicht so richtig fassen: Gerade bekamen zwei deutsche Reisende von einem befreundeten Mitarbeiter der Kooperative eine Führung, sogar mit Kaffeeröstung und Verkostung! Wir durften netterweise auch dabei sein und so ein wenig über eines der typischsten Agrarerzeugnisse Perus erfahren. Jonny war gerade dabei, Kaffeebohnen in einem kleinen Proberöster – der eigentlich zur Qualitätskontrolle da ist – zu rösten.

Währenddessen erklärt er uns, dass der Kaffee sonnengetrocknet, aber noch mit seiner hellen Schale, dem ehemaligen Fruchtfleisch, angeliefert wird. Aber natürlich nicht aus ganz Peru, sondern nur aus dem Anbaugebiet namens „Alto Mayo“ mit seinen „chacras“ (Bauernhöfen) in den nebelwaldbedeckten Anden zwischen 600 und 1800 Metern. Dabei kommt die bessere Bohne aus den höheren Lagen.
Hier in Moyobamba werden Proben für Qualitätskontrollen genommen und die Lieferungen danach in Güteklassen eingeteilt. Ein kleines Zettelchen liegt dabei immer in den Probeschälcheen und gibt die wichtigen Kenndaten an: Dieser Kaffee stammt von der Produzentin Audina Perez, es wurden 3 Säcke zu insgesamt 139kg geliefert. Diese haben einen Schalenanteil (C = cascara = Schale) von 21%, einen Anteil von makellosen Bohnen von 57% (R = Rendimiento = Ertrag/Leistung) und enthalten noch 18% Wasser (H = Humedad = Feuchtigkeit). Daraus ergibt sich die zweitbeste Güteklasse G2. Nachdem der Kaffee hier im Zwischenlager angekommen ist, wird ihm in einer Art riesigem Trockner Restfeuchtigkeit bis zu einem Wassergehalt von rund 12% entzogen. Anschließend, so erzählte Johnny, wird maschinell sowohl die Schale, als auch das dünne Pergamenthäutchen entfernt. Übrig bleibt der exportfertige „cafe verde“ (grüner Kaffee).

Von unten nach oben: Kaffee mit Schale, wie er in der Lagerhalle in Moyobamba ankommt. Dann der „café verde“, oben nun schon geröstet.

Dieser exportfertige grüne Kaffeegelangt dann über die große IRSA-NORTE (Ost-West-Verbindungsstraße zwischen Pazifik und Atlantik, die durch Moyobamba und über die Anden führt) zum Containerhafen nach Paita (Nordperu, nahe der Stadt Piura) – und von dort in alle Welt. Im Falle von Tchibo kommt er meist in Hamburg an, wird dort wie unter anderem auch in Berlin und Marki bei Warschau geröstet, verpackt und schließlich verkauft.
Nach 15 Minuten Röstung mit zunehmender Hitze bis zu rund 208 Grad waren die Testbohnen fertig. Es roch himmlisch, war dadurch aber auch höllisch heiß in dem kleinen Räumchen.

Durch die Dauer lässt sich der Geschmack des Kaffees stark beeinflussen, erklärte Jonny. Während wir mit den 15 Minuten einen kräftigen Kaffee erhalten, würden schon acht Minuten für ein milderes Aroma mit einer weniger starken Röstnote reichen.

Während Jonny die Bohnen sogleich in die Mühle warf und eine Tasse für alle vorbereitete, kam Omar hinein. Omar ist Vertriebsbeauftragter für Europa und hatte gehört, dass ein paar Deutsche da sind – und ich hatte bei der Ankunft Tchibo erwähnt sowie ein paar Fragen zu ihrem Fairtrade-Kaffee gestellt 😉. Mit großer Freude erzählte er uns nun von Tchibo, einem ihrer anscheinend sehr kaufkräftigen Kunden („un cliente muy, äh, potencial“), und hatte sogar ein kleines Image-Video zu den Vorteilen von Fairtrade dabei. Ich freute mich sehr, endlich auch jemanden zu finden, mit dem ich über das Thema der Arbeitsbedingungen in der Kaffeeproduktion reden konnte. Denn – das hatte ich in einem früheren Gespräch mit einem Café-Besitzer erfahren, das Siegel Fairtrade (und Bio) koppelt den Verkaufspreis ihrer Kaffeesäcke von den eigentlichen Weltmarktpreisen ab. So kostet ein normaler Sack grüner Kaffee (rund 60kg, natürlich auch abhängig von der Qualität) circa 100 Dollar. Mit dem Fairtrade-Siegel kann er diesen jedoch für rund 30 Dollar und Bio-Qualität weitere 20 Dollar mehr verkaufen. Ich fragte mich, wofür diese 30 Dollar letztendlich wirklich ausgegeben werden. Ob sie überhaupt bei den eigentlichen Kaffeebauern ankommen und ob die Menschen davon leben können? Oder mit den Worten von Omar: „Die Frage, mit der ihr hier nach Alto Mayo gekommen seid, ist, wieso ihr dort (in Deutschland) den etwas teureren Kaffee von hier kauft. Hier ist der Grund“: Früher hätten die Bauern den Kaffee meist auf der Erde getrocknet, was eher mindere Qualität produziert. Nun aber wurde mit dem zusätzlichen Geld ein Gestell finanziert, sodass der Kaffee durchlüftet ohne Bodenkontakt trocknen kann. So entsteht eine höhere Qualität für die Kaffee-Kooperative und die Familien können ihr Produkt teurer verkaufen. Eine klassische Win-Win-Situation also. Außerdem habe die Kooperative „Landwirtschaftsingeneure“ angestellt, welche die Bauern auf ihren „fincas“ (Bauernhöfen) besuchen und dort Weiterbildungen zum Kaffeeanbau anbieten. Omar hub besonders hervor, dass das alles junge Menschen seien und sie so attraktive, gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen. So versuchen sie gegen die Abwanderung der jungen Landbevölkerung in die Städte, vor allem nach Lima, anzukämpfen. Zu guter Letzt fügte Omar zusammenfassend hinzu, dass das zusätzliche Fairtrade-Geld einen wirklichen Unterschied für die Familien mache. So merken sie, dass man mit dem Kaffeeanbau sehr wohl auch gutes Geld verdienen und die Familie ernähren kann – eine Sache, die nicht immer so war und heute bei weitem nicht überall so ist. Vor rund 20 Jahren noch war die Region um Moyobamba und Tarapoto eine zum Teil von Terroristen beherrschtes Gebiet. Der Coca-Anbau war weit verbreitet, denn mit ihm lässt sich gutes Geld verdienen. Auch wenn Peru neben Kolumbien noch heute der größte Kokainproduzent (Kokain wird aus Coca gewonnen) Südamerikas ist, konnte das Problem in San Martin in den letzten Jahren zurückgedrängt werden – auch dank des Kaffees. Er ist die legale Alternative zu den Cocasträuchern. Und je höher die möglichen Einnahmen durch Kaffee, desto mehr Bauern satteln auf diesen um, wozu infolgedessen insbesondere auch der Fairtrade-Anbau beitragen kann.


Inzwischen war der Kaffee fertig und wir konnten noch beim Mahlen der eben gerösteten Bohnen zuschauen, während wir schlürften. Ein kleines Packet durften wir sogar mitnehmen. Auf dem Mototaxi wieder zurück nach Hause war ich wirklich glücklich. Mit Jonny und Omar hatten wir zwei so herzliche Menschen getroffen und viel über Kaffee erfahren können. Das Wissen und die Eindrücke werden mir wahrscheinlich noch zu Hause in Deutschland bei einer Tasse Kaffee präsent sein. Ihre Einladung, wieder einmal vorbeizukommen und auf dem Dorf Kaffeeproduzenten zu besuchen, hatte ich mir fest vorgenommen wahrzunehmen. Allerdings war ich – und bin es weiterhin – skeptisch, was die Vorteile von Fairtrade angeht und wie die Arbeitsbedingungen jenseits der Imagevideos, die uns Omar zeigte, sind.

Beim Herausgehen konnten wir noch einen kleinen Blick in die Lagerhalle werfen. Über den Kaffeesäcken hängen de Schilder der einzelnen Siegel. „Rainforest Alliance“ haätte dabei die strängsten Richtlinien, so Omar.
Diese Lieferung stammt aus Jaen, einer Stadt aus den nördlichen Anden rund 350km von Moyobamba entfernt. Mit einem speziellen Metallrohr sticht der linke Mann im hellen Shirt in die Säcke und entnimmt so die Proben.
Ein „fun fact“, den uns Omar erzählte und offenbar ziemich lustig findet: „Tchibo“ ist hier in Moyobamba der Name für negative Dinge. Wieso hat dann diese Kaffeefirma in Deutschland diesen komischen Namen, fragt er belustigt 😉

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