Seit dem 18. Dezember hatten wir Weihnachtsferien. Hier möchte ich euch ein Erlebniss dieser tollen zweieinhalb Wochen genauer vorstellen:
Gleich am Nachmittag des 18. Dezember nahm ich den Bus in die 6 Stunden entfernte Stadt Chachapoyas, die ihren Namen vom Volk der Chachapoya erhalten hat. Das war eine präinkaische Kultur, die in der Region der nördlichen Anden rund um Chachapoyas von circa 1100 nach Christus bis 1350 nach Christus existierte, später jedoch von den Inka unterworfen wurden. Diese Menschen errichteten beeindruckende Siedlungs- und Festungskomplexe , „Kuleap“ ist wohl der bekannteste unter ihnen. „Chachapoya“ bedeutete in der Sprache der Inka „Nebelkrieger“. Und diesen Namen gaben sie dem Volk nicht ohne Grund: Sie lebten hauptsächlich im heutigen Bundesstaat Amazonas, wo sich die Wolken aus dem Amazonastiefland in den hohen Anden verfangen. Die Bäume des dort vorkommenden Nebelwaldes liegen dadurch ständig in dichtem Nebel und fischen mit Netzen aus moosüberzogenem Geäst die Feuchtigkeit aus der Luft. Insgesamt ergibt sich so eine sehr reizvolle Landschaft mit einem beeindruckenden Wald und vielen endemischen Arten – zu den Ruinen weitere Gründe für mich, die Gegend zu besuchen.

Nachdem ich erst einmal in der hübschen Kolonialstadt Chachapoyas eine Nacht verbracht und meine erste warme Dusche seit 4 Monaten genoss, machte ich mich mit Bussen, kleineren Autos und Pickups auf. Ich wollte in Richtung eines Inkapfades und einige wohl weniger bekannten Ruinen besuchen. Die hatte ich mir gemeinsam mit José, der sich in der Umgebung gut auskennt, ausgesucht. Zu Fuß erreichte ich schließlich das sehr idyllische Tal „Valle Huaylla Belén“, überquerte den „Río Huaylla Belén“ und fuhr mit auf einem anderen Pickup durch den Nebelwald bis in das kleine Dorf „Congón“. Dort verbrachte ich die Nacht in einem Gästezimmer und fragte ein wenig nach den Ruinen. Denn außer von den Dorfbewohnern ist schwer etwas darüber zu erfahren, Reiseführer erklären meist nur das bekanntere „Kuelap“.

Nun hatte ich einen Plan: Ich wollte am nächsten Tag den „complejo arqueológico gran vilaya“ auf einem alten Inkapfad besuchen. Nur traf ich beim Frühstück bei meiner Gastgeberin den 24-Jährigen, sehr gesprächigen und auch wie ich vogelinteressierten Luis Ángel. Er ist bei einer NGO in Chachapoyas angestellt, die sich um ein neu eingerichtetes Schutzgebiet mit dem sperrigen Namen „Area de Conservación Regional Bosques Tropicales Estocialmente Secos del Marañón“ kümmert. Dieses Schutzgebiet ist wohl absolut einzigartig: Im Gegensatz zum Nebelwald ist dieser „Trockenwald“ durch den Einfluss des „Río Marañón“ zwischen Juni und November ziemlich trocken und grau, aber davon sollten wir nicht besonders viel mitbekommen. Denn nun ist gerade Regenzeit, der Wald nass und quietschgrün. Dort gab es jedenfalls eine Anzeige wegen illegalen Holzeinschlags und Luis Ángel ist gekommen, um dem nachzuspüren und alles zu dokumentieren. Ich frage ihn, ob ich mitkommen kann – kurz darauf habe ich meine Pläne gecancelt, sitze hinten auf seinem Motorrad und fahre mit ihm 3 Stunden lang durch den Nebel, kleine Dörfer und vorbei an Wasserfällen auf extrem matschigen Wegen. Ich fühle mich sehr wohl mit Luis Ángel, denn er erklärt mir alles sehr ausführlich, hält immer wieder an, kann mir den Kakao und Kaffeeanbau genaustens schildern und genießt es scheinbar ebenfalls, mir seine Heimat zu zeigen.

In einem Dorf („Nueva Chota“) auf rund 2000 Metern angekommen, unterhalten wir uns ein wenig mit den Menschen, möglicherweise können sie ja genauere Angaben zum Ort machen. Doch so richtig erfolgreich sind wir – bis auf eine Einladung zum Mittagessen – leider nicht. Auf dem Rückweg entdecken wir doch noch einige kleinere Flächen, auf denen sehr viel mehr Bäume gefällt wurden, als zur Freihaltung der Wege nötig wäre. Luis setzt seinen Punkt per GPS, macht Fotos und kann so später einen Bericht schreiben. Auf dessen Grundlage ergreifen sie als Naturschutz-NGO dann Maßnahmen, um den Wald zu schützen.

Ihre Strategie besteht aus drei Ebenen: Als Erstes machen sie in den Dörfern Weiterbildungen rund um das Thema ihres Schutzgebietes. So wollen sie die Akzeptanz ihres Naturschutzgebietes erhöhen und auch die Vorteile für die Menschen vor Ort erläutern. Als zweites können sie spontane Visiten machen, zum Beispiel bei den örtlichen Tischlern. Aber auch „Streifenfahrten“ durch das Gebiet gehören dazu. Als letzten Schritt arbeiten sie auch mit der Polizei zusammen und vergeben bei starken Verstößen meist Geldstrafen. Das wollen sie aber vermeiden. Denn es sei, wie Luis Angel meinte, gerade mit so wenig Personal in einem so riesigen Gebiet am wichtigsten, einen guten Draht zu den Menschen zu haben und über kleinere Vergehen auch mal hinwegzusehen. Nur gemeinsam mit den Dorfbewohnern kann der Naturschutz hier funktionieren, wird mir klar.

Bald fahren wir wieder 3,5 Stunden zurück. Auf dem Weg zeigt mir Luis, wie eine Frau getrocknete Kaffeebohnen von der Schale befreit und so anschließend rösten kann. Ein anderer Mann weiter talabwärts erntet eine große Kakaobohne für mich und öffnet sie. Die eigentlichen kleinen Böhnchen im Inneren sind von einer süßen, schleimigen weißen Schicht umschlossen, die wir genüsslich während der Motorradfahrt ablutschen. Um 20:30 Uhr setzt mich Luis wieder in Congón ab, nicht viel später liege ich auch schon im Bett. Ich bin ziemlich geschafft, aber auch unheimlich glücklich über einen so interessanten Tag. Zu den Ruinen werde ich dann am nächsten Tag wandern…































